AZ | 31. August 2016

AZ berichtet über Pilotprojekt in der Mainzer Neustadt

Baugemeinschaft plant Gebäude in der Josefsstraße

MAINZ – Baudezernentin Marianne Grosse (SPD) steht in einem Innenhof in der Neustadt, der sich zwischen der Boppstraße 60 a und der Josefsstraße 11 befindet. Sie strahlt: „Endlich haben wir ein Pilotprojekt.“ Auf jenem Areal soll nämlich das erste Gebäude entstehen, das von einer Baugemeinschaft geplant und gebaut wird.

„Wir geben nur die Hülle und das Flachdach vor – das Innenleben darf von den künftigen Nutzern als Spielwiese betrachtet werden“ Harald Faerber

Als Projektentwickler konnte die Ingelheimer Firma J. Molitor Immobilien gewonnen werden, die mit dem Bau dieser Gebäudestruktur Neuland betritt. „Wir finden es spannend, mal einen anderen Weg zu gehen“, sagt Projektleiter Martin Steffes-Mies. „Dass wir uns erstmals mit Baugemeinschaften beschäftigen, hat auch einen ganz praktischen Grund: So können wir eine neue Kundengruppe gewinnen.“

Insgesamt drei Häuser will J. Molitor Immobilien errichten (siehe Grafiken): ein sechsgeschossiges Gebäude auf dem Grundstück in der Josefsstraße 11, wo sich derzeit Garagen befinden, direkt dahinter ein weiteres Gebäude mit drei Voll- und einem Dachgeschoss sowie ein Haus mit zwei Voll- und einem Dachgeschoss auf einem Baufeld, dass ausschließlich für Baugemeinschaften vorgesehen ist. Auch hier muss zunächst mehrere ineinander verschachtelte Lagerhallen abgerissen werden. Entstehen würden insgesamt 2.600 Quadratmeter Wohnfläche und eine Tiefgarage mit 40 Stellplätzen für PKW und 40 für Fahrräder.

Grundstück gehörte zuvor der Stadt
Jenes Grundstück mit der Anschrift Boppstraße gehörte zuvor der Stadt. Sein Verkauf an die Ingelheimer Projektentwickler war an die Bedingung geknüpft, ein Bauvorhaben mit privaten Auftraggebern zu realisieren. Das hatte der Stadtrat im Dezember 2015 beschlossen. Das andere Grundstück, auf dem sich derzeit noch die Garagen befinden, gehörte einem privaten Eigentümer – die Verträge mit den Mietern wurden bereits gekündigt.
„Der Standort eines solchen Projektes in der Neustadt ist ideal, weil wir hier direkt am Puls der Zeit sind“, schwärmt Baudezernentin Grosse. „Außerdem kann in dem dicht besiedelten Stadtteil gezeigt werden, dass Nachverdichtung nicht mit einem Qualitätsverlust des Wohnraums und weniger Grünflächen einhergeht.“ Durch den geplanten Quartiersplatz würde hinterher sogar weniger versiegelt sein, als das bislang der Fall ist.

Auch Skepsis gegenüber Innenhofverdichtung
Auch Ortsvorsteher Johannes Klomann (SPD) begrüßt das Bauvorhaben. „Der Name Neustadt gibt quasi vor, dass das Projekt hier gut aufgehoben ist“, scherzt er. Klomann mahnt aber auch, dass mit dem Thema Innenhofverdichtung grundsätzlich behutsam umgegangen werden müsse – ein Trend, den er in seinem Stadtteil in den vergangenen fünf Jahren mit Skepsis beobachte.
Wie Architekt Harald Faerber informiert, werde im sechsgeschossigen Gebäude in der Josefsstraße elf Wohnungen und im dahinter gelegene Dreigeschosser 13 Wohnungen entstehen. Im für Baugemeinschaften vorgesehen Haus könnten sechs bis zehn Wohneinheiten entstehen. „Das ist abhängig von der inneren Struktur“, führt Faerber aus.

Die Zweigeschossigkeit habe sich auf dem Areal als idealste Lösung erwiesen, um das gegenüberliegenden Gebäude in der Boppstraße nicht zu sehr zu verschatten und umgekehrt. Das neue Gebäude wird circa 2,50 Meter höher werden, als die bestehenden Lagerhallen.
„Wir geben nur die Hülle und das Flachdach vor – das Innenleben darf von den künftigen Nutzern als Spielwiese betrachtet werden“, macht der Architekt deutlich. Im Sommer 2018 – so die derzeitige Planung, sollen sie einziehen können.

Traum vom Mehrgenerationen-Projekt
Doch wie sieht es mit Interessenten aus? Beim Vororttermin haben sich bereits drei eingefunden. „Ich habe in der AZ zum ersten Mal davon erfahren, dass die Stadt Baugemeinschaften fördern will“, erzählt Christine Eckert. „Mich reizt einfach die Idee, mit anderen ein Haus zu gestalten.“ Die 59-Jährige konnte auch gleich Verena Mahlow-Lage und Alan Lage rekrutieren, mit denen sie befreundet ist. „Wir könnten uns vorstellen, dass sich Baugemeinschaften auch mit einem Mehrgenerationen-Projekt verknüpfen lässt“, verraten sie ihren gemeinsame Traum.
Insgesamt haben sich schon 120 potenziell Interessierte bei der Stadt gemeldet, berichtet Norbert Post. Seit April ist der Architekt mit seiner Arbeitsgemeinschaft „Lückmann – Pohlmann – Post“ aus dem Ruhrgebiet dafür beauftragt, das Modellvorhaben in Mainz beratend zu unterstützen.
Stadtplanungsamtsleiter Günther Ingenthron wirbt dafür, sich von der Arbeitsgemeinschaft beraten zu lassen und zu gruppieren. „Denn auf dem Heilig-Kreuz-Areal haben wir uns mit den Stadtwerken als Eigentümer auf ein Baufeld für Baugemeinschaften geeinigt“, berichtet er. „Das ist definitiv der große Wurf, denn hier sollen sogar 92 Wohneinheiten entstehen.“ Voraussichtlicher Baubeginn wird in der zweiten Jahreshälfte 2018 sein. Ein weiteres Projekt plane die Stadt im Südosten von Ebersheim.

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